Aus: Kurdistan-Rundbrief, Nr. 23, Jg. 8, 17.11.1995
_Die "Grauen Wölfe" der MHP_
_Auszüge aus einer kurdischen Dokumentation_
_I. Zur Geschichte der "Grauen Wölfe"_
Zur Analyse der historischen Wurzeln der "Grauen Wölfe" ist es
notwendig, die türkische Geschichte bis zur Bewegung der "Jungtürken"
in der Zeit der Jahrhundertwende und des Zusammenbruchs des
Osmanischen Reiches zurückzuverfolgen. Diese "Jungtürkische" Bewegung,
in der Mustafa Kemal, der spätere Gründer der Türkischen Republik,
schon über entscheidenden Einfluß verfügte, war bereits in ihren
Anfängen vom großtürkischen Chauvinismus geprägt, mit dem Bestreben,
die Reste des "Vielvölkerknastes" des auseinanderbrechenden
Osmanischen Reiches zusammenzuhalten. Der Unabhängigkeitskampf der
nichttürkischen Völker wurde als Verrat am "gemeinsamen osmanischen
Vaterland" betrachtet. Das Ziel der "jungtürkischen" Führer war die
Zangsassimilation aller im Reichsgebiet lebenden Völker, d. h. die
Türkisierung der Albaner, Armenier, Araber, Bulgaren und Kurden.
Nachdem die "Jungtürken" im Jahre 1908 die Macht übernommen hatten,
wurde bereits im Jahre 1909 die Organisationsfreiheit für Minderheiten
beseitigt und türkisch zur offiziellen Sprache in allen Schulen und
Verwaltungen erklärt.
Diese rassistische Politik der Zwangsassimilation begünstigte die
Verbreitung des Turanismus, "die Einheit aller Turkvölker von
Innerasien bis zum Balkan". Ziya Gölap, einer der "jungtürkischen"
Turanisten, rief damals aus: "Vorn die Flagge, in der Hand das
Bajonett, im Herzen Gott. Wir wollen Herrscher über die Welt sein."
1908 gründeten die Turanisten die heute noch existierenden
nationalistischen Vereinigungen "Türk Ocagis", welche mit allen
Mitteln das "Reich Turan" ("die Wiege des Volkes und das Ursprungsland
der Rasse") ereichen sollten. Die "Türk Ocagis" hatten dabei folgende
Aufgabe:
"Arbeiten an der nationalen Erziehung des türkischen Volkes, dem
wichtigen Bestandteil des Islamismus, an der Hebung seines
intellektuellen, sozialen und ökonomischen Niveaus, an der Vollendung
der türkischen Sprache und Rasse. "
Die Einheit der Reste des Osmanischen Reiches und damit die Grundlage
der Türkischen Republik bauen auf der Vernichtung ganzer Völker auf.
Die "Jungtürken" nutzten den Ausbruch des 1. Weltkrieges, an der Seite
Deutschlands stehend, dazu, den bereits vor dem Krieg ausgearbeiteten
Plan zur Ausrottung der "fremdländischen" armenischen Bevölkerung in
die Tat umzusetzen. Von etwa 2 Millionen im Osmanischen Reich lebenden
Armeniern blieben nicht mehr als 100. 000 am Leben. Nachdem es in
Kurdistan zu zahlreichen Aufständen gekommen war, begannen die
"Jungtürken" mit der planmäßigen Vernichtung des kurdischen Volkes.
Dieser fielen in den Jahren 1914 bis 1918 mehr als 700.000 Kurdinnen
und Kurden zum Opfer.
Die Niederlage des Osmanischen Reiches an der Seite Deutschlands im
1. Weltkrieg besiegelte sein endgültiges Ende und durchkreuzte die
Pläne zur vollständigen Vernichtung des kurdischen Volkes.
Jetzt organisierte Mustafa Kemal das sogenannte türkische Bündnis, um
die verbliebenen Reste des Osmanischen Reiches mit den
Besatzungsmächten England und Frankreich aufzuteilen.
Der Turanismus war kein geeignetes Mittel, die Völker der Region für
den Kampf gegen die Kolonialmächte zu mobilisieren. Mustafa Kemal
sprach nicht mehr von der "türkischen Nation" sondern vom "islamischen
Staat". Nur hiermit gelang es ihm, die kurdischen Scheichs für den
letztendlich erfolgreichen Aufstand gegen die Kolonialmächte zu
gewinnen.
Nach der Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 wurde der
Nationalismus wieder zur herrschenden türkischen Staatsauffassung.
Ziel war die Errichtung eines nationalistischen völkischen Staates mit
dem Herrschaftsinstrument des Türkismus, der die Existenz aller
anderen Völker negierte. 1923 wurden 300.000 Angehörige des
Pontus-Volkes, einer griechischen Minderheit, massakriert. Im Jahr
1924 wurden alle kurdischen Schulen, Vereinigungen und Publikationen
verboten. Von dort an existierten offiziell keine Kurdinnen und Kurden
mehr.
Auf dieser Grundlage erlebte der Turanismus in den 30er Jahren als
Panturanismus mit der Untertützung Nazi-Deutschlands eine Renaissance.
Hitlerdeutschland versuchte stets, die Türkei an sich zu binden, und
nutzte dazu die panturanistische Bewegung. Als Gegenleistung
unternahmen die Panturanisten den gescheiterten Versuch, die Türkei an
der Seite des deutschen Faschismus aktiv in den 2. Weltkrieg zu
ziehen.
In den folgenden Jahren zog es die geschwächte Bewegung vor, hinter
den Kulissen für ihre Politik zu arbeiten. In den 60er Jahren
konzentrierte sich die faschistische Bewegung unter der Führung von
Alpaslan Türkes (dem noch heute amtierenden Vorsitzenden der
MHP/Nationalistische Bewegungspartei) darauf, die Jugend für die
panturanistische Ideologie zu gewinnen. Es wurden die ersten
Kommandolager gegründet, in denen Jugendliche eine militärische
Ausbildung erhielten und einer gezielten Gehirnwäsche unterzogen
wurden. Nachdem die Kommandos aufgebaut waren, wurde im Jahre 1969 die
MHP (Millietci Hareket Partisi = Nationalistische Bewegungspartei)
gegründet. Zum Symbol der Partei wird eine Fahne mit drei auf dem
Rücken gekehrten Halbmonden, diese sind der Fahne der
Okkupationstruppen der osmanischen Besatzungsarmee entnommen.
In den Kommandolagern wurden bis zu 100. 000 Kommandoangehörige
ausgebildet. Diese Kommandos erhielten dann den Namen "Bozkurtcula"
("Graue Wölfe"), in Erinnerung an das Tier, das entsprechend der
panturanistischen Legende die letzten türkischen Stämme aus den
AltaiGebirgen in Zentralasien geführt und damit gerettet hatte.
Ab 1968 begannen die türkischen Faschisten mit ihren Gewaltaktionen
gegen die erstarkende türkische Linke. Bis 1980 begingen die "Grauen
Wölfe" mehr als 5000 Morde in der Türkei und Kurdistan. 1975 wurde die
MHP zum Bündnispartner der konservativen Gerechtigkeitspartei (AP)
unter dem damaligen Ministerpräsidenten und jetzigen Staatspräsidenten
Demirel und damit Regierungspartei. Alpaslan Türkes wurde
stellvertretender Ministerpräsident und hatte damit volle staatliche
Rückendeckung für den organisierten Terror gegen die Opposition.
Nach dem Militärputsch 1980 wurde die MHP verboten, was sie aber
nicht daran hinderte, unter anderem Namen ihre Politik fortzusetzen.
Bis zu diesem Zeitpunkt waren schon weite Teile des Militärapparates
und der staatlichen Verwaltung von MHP-Anhängern durchsetzt. Zur
Hauptagitationsebene wurden Moscheen und islamische Vereine
auserkoren. Ihre Funktion, die demokratische Opposition zu
terrorisieren, war an die Militärjunta übergegangen. Ende der 80er
Jahre wurde das Verbot der MHP offiziell wieder aufgehoben.
_II. Die Ideologie der "Grauen Wölfe"_
Die Ideologie der MHP und ihrer Kommandoorganisation, den Grauen
Wölfen, basiert im wesentlichen auf drei Grundpfeilern:
_1. Nationalismus_
Ausgangspunkt ist ein vom Panturanismus geprägter Nationalismus.
Dieser beinhaltet einen ausgeprägten Rassismus gegenüber allen
nichttürkischen Menschen, insbesondere gegen die Minderheiten im
"eigenen" Land.
_2. Antidemokratische Grundhaltung_
Vordergründig wird von der MHP eine antikommunistische Propaganda
betrieben, die sich prinzipiell gegen alle demokratischen Kräfte, wie
z. B. Gewerkschaften und andere Verbände der Arbeiterbewegung richtet.
_3. Islam_
Im Laufe der fast 30jährigen Geschichte der MHP wurde die Frage der
Religiösität in verschiedenen Phasen unterschiedlich akzentuiert. Der
Islam war in der Anfangszeit der Parteientwicklung von den führenden
Personen eher abgelehnt worden. Vielmehr gab es eine Rückbesinnung auf
die vorislamische Zeit mit ihrer schamanistischen Religion. Die
Bedeutung des Islams ist also für die MHP weniger eine religiöse
Frage, sondern leitet sich von ihrem Nationalismus ab. Es geht
folglich darum, inwieweit der Islam zur Konstituierung des
"Türkentums" gehört. Hier kam es schnell zu einer Umorientierung, da
dieser Punkt stets umstritten war und das schlechte Abschneiden der
MHP bei den Wahlen den Erfolgen der islamischfundamentalistischen
"Nationalen Wohlfahrtspartei" gegenüberstand. Zwar stand der
Nationalismus weiterhin im Vordergrund, jedoch gewann schließlich
Anfang der 70er Jahre der Islam in der Parteipropaganda immer mehr an
Bedeutung.
_III. Zur Person Alpaslan Türkes_
Alpaslan Türkes, der heutige "Führer" der faschistischen MHP, spielte
bereits in den 40er Jahren eine entscheidende Rolle in der
panturanistischen Bewegung. 1944 wurde er verhaftet, weil er als Kopf
der faschistischen Bewegung versucht hatte, die Türkei an der Seite
des deutschen Faschismus aktiv in den 2. Weltkrieg zu ziehen. In dem
gegen ihn laufenden Verfahren äußerte er sich wie folgt: "Ich
betrachte es als Ehre, wegen Turanismus und Rassismus verurteilt zu
werden. Die Verwaltung des Staates durch Menschen türkischer Rasse ist
lebensnotwendig. Die in der Türkei lebenden Nichttürken mit türkischer
Staatsangehörigkeit sind Tscherkessen, Bosniaken, Lazen, Araber,
Kurden, sie sollte man in die Länder schicken, wo sie hingehören."
Bis 1958 war Türkes in der türkischen Militärmission in Washington
tätig gewesen und knüpfte hier enge Kontakte zum CIA und zum Pentagon.
Im gleichen Jahr besuchte er die Schule für Atom- und Nukleartechnik
in der BRD. Er gehörte im Jahr 1960 zu den 32 Offizieren, die die
damalige Menderes Regierung stürzten. Nach dem Putsch wurde er zum
persönlichen Sekretär des neuen Machthabers, General Gürsel, ernannt.
Dort versuchte er weiter, hinter den Kulissen seine panturistischen
Ideen durchzusetzen. Türkes wurde aber bald zusammen mit 14 anderen
Personen politisch kaltgestellt und in die türkische Botschaft nach
Neu-Delhi entsandt.
Nach seiner Rückkehr in die Türkei im Jahre 1964 konzentrierte er
sich auf den Aufbau der MHP/"Graue Wölfe". Im Zuge des Verbotes der
MHP im Jahre 1980 wurde im jegliche politische Betätigung untersagt.
Trotzdem konnte er seine Rolle als faschistischer Hetzer weiterhin
wahrnehmen. All das konnte ihn nicht daran hindern, eine Vielzahl von
offiziellen Besuchen in der BRD anzutreten, zuletzt am 26. November
1994 in Sindelfingen.
_IV. Die "Grauen Wölfe" in der BRD_
Die türkischen Faschisten begannen bereits Ende der 60er Jahre damit,
sich in der Bundesrepublik zu organisieren. Die Organisierung erfolgte
auf der Basis von Vereinen, die als "Türkische Gemeinschaften",
"Idealistenvereine" oder einfach als "Kulturvereine" bezeichnet
wurden.
Eine MHP-Auslandsvertretung existierte offiziell seit 1973,
inoffiziell aber bereits Ende der 60er Jahre. Diese hatte, mit ihrer
Zentrale in Ludwigshafen, in der BRD in 40 Städten Zweigstellen.
Bereits 1970 ergab sich eine enge Kooperation zwischen der
faschistischen türkischen MHP und der faschistischen deutschen NPD.
Dieses belegt ein reger Briefwechsel zwischen beiden "Parteiführern"
Alpaslan Türkes und Adolf von Thadden. Während Türkes von der
"unbedingten Aktionseinheit der MHP mit der NPD" sprach, regte von
Thadden einen intensiven Jugendaustausch zwischen beiden Parteien an.
Von Thadden ließ es sich nicht nehmen, eine persönliche Einladung für
Türkes auszusprechen, um so "über die Probleme unserer Länder zu
sprechen und nach Wegen gegenseitiger Unterstützung zu suchen". Im
Jahre 1977 bedankte sich Türkes wortreich für die großzügige
finanzielle Unterstützung der NPD für den Wahlkampf der MHP. Der
"Nationalistische Schülerbund" gründete 1980 eine sog.
Aufbauorganisation zur Erfassung in der BRD lebender türkischer
Jungfaschisten. Die Waffenbrüderschaft der deutschen und türkischen
Faschisten war wieder hergestellt.
Die Entwicklung der türkischen faschistischen Bewegung in der BRD ist
untrennbar mit der Situation in der Türkei und Kurdistan verbunden.
Nachdem die MHP, daß Ende 1976 vom türkischen Verfassungsgericht gemäß
des Parteiengesetzes ausgesprochene Verbot von Auslandsorganisationen
bereits im Vorgriff mit der Auflösung ihrer BRD-Organisationen am
28.7.1976 und einer Umstrukturierung in sog. "unabhängige"
Idealistenvereine unbeschadet überstanden hatte, wurde der Terror
gegen die türkische und kurdische Opposition systematisch ausgeweitet.
Die MHP-Idealistenvereine verübten zahlreiche Morde und Anschläge
gegen türkische und kurdische Linke. Das bekannteste Beispiel für
diesen Terror ist der Mord an dem Lehrer und Gewerkschaftler Celattin
Kesim in West-Berlin am 5. Januar 1980.
Zur besseren Koordination schlossen sich im Juni 1978 die
verschiedenen Vereinigungen zur "Föderation der demokratisch-
idealistischen türkischen Vereine in Europa/Türk-Föderation" zusammen.
Die in Frankfurt a. M. ansässige deutsche Untergrundorganisation ist
die zentrale Schaltstelle der MHP in der BRD. Zur 17.
Jahreshauptversammlung der Türk-Föderation kamen am 26. November 1994
mehr als 10.000 Anhänger der MHP in Sindelfingen, unter der Teilnahme
des türkischen Botschafters zusammen.
_V. Die "Grauen Wölfe" und der Krieg in Kurdistan_
Die faschistische MHP ist als ein Auftraggeber und
Steuerungsinstrument der staatlichen Todesschwadrone maßgeblicher
Bestandteil des Spezialkrieges gegen das kurdische Volk. Ein nicht
unerheblicher Teil der in Kurdistan eingesetzten Spezialeinheiten
sympathisiert offen mit der MHP. Ihre aggressive, nationalistische
Propaganda ist entscheidender Faktor zur türkischen Mobilisierung für
den Krieg in Kurdistan.
(aus der Pressemappe des Demonstrations-Vorbereitungskomitees zum
Trauermarsch für den in Neumünster von Grauen Wölfen ermordeten Kurden
Seyfettin Kalan, 12.9.1995, entnommen aus: CL-Netz)
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