Aus: Kurdistan-Rundbrief, Nr. 13, Jg. 11, 1.7.1998

"Frauen zwischen Utopie und Realität: Die kurdische Frau im Spannungsfeld von Unterdrückung und Befreiungskampf"

Heidi Lippmann-Kasten über eine Konferenz in Hamburg am 20./21. Juni 1998

Die erste Konferenz von prison watch international beinhaltete vielfältige Vorträge zur Situation der kurdischen Frauen in Kurdistan und Deutschland. Hierzu hatte pwi 12 Referentinnen eingeladen, die aus Schweden, Holland und der Türkei angereist waren. Zur Situation von Frauen im Asylverfahren und zur spezifischen Situation von kurdischen Frauen und Müttern in Deutschland referierten die Bundestagsabgeordnete Amke Dietert-Scheuer (Bündnis 90/Die Grünen), Sengül Senol, Ratsfrau aus Köln, und für die YEK-KOM, die Föderation kurdischer Vereine in Deutschland, Heike Hildebrand-Tekin.

Aus der Türkei waren angereist die 2. Vorsitzende des Menschenrechtsvereins IHD, Eren Keskin, die Rechtsanwältin beim IHD Jutta Hermanns, die Autorin Mahabad Karadagi und die Vorsitzende der Frauenkommission der HADEP-Partei, Ayse Karadag, aus Schweden die Autorin Sevim Belli. Im Mittelpunkt der Rede von Eren Keskin und Jutta Hermanns stand die sexuelle Gewalt, die gegen Frauen verübt wird, und sie stellten ihr Projekt vor, das vor einem Jahr zur Rechtlichen Hilfe für Frauen, die von staatlichen Sicherheitskräften vergewaltigt oder auf andere Weise sexuell mißhandelt wurden, eingerichtet wurde.

Mahabad Karadagi und Ayse Karadag schilderten insbesondere die soziale Rolle kurdischer Frauen in der Türkei und Kurdistan und die Auswirkungen der Krieges und der Besetzung durch die vier Staaten Iran, Irak, Syrien und die Türkei. Ebenso wie die beiden in den Niederlanden lebenden Autorinnen Bahar Ali und Delgeyz Amma, die zu Südkurdistan sprachen, schilderten sie die Auswirkungen der Massaker und der Vernichtungspolitik gegen Kurden und Kurdinnen, der Verbannung und Deportation, und der zwangsweisen Assimilierung hinsichtlich von Kultur und Sprache. Eine Vertreterin des kurdischen Frauenverbandes YAJK analysierte die historischen. gesellschaftlichen und strukturellen Bedingungen der Unterdrückung der kurdischen Frauen und erläuterte die Notwendigkeit des Nationalen Befreiungskampfes und die Beteiligung von Frauen. Sie schilderte insbesondere die Schwierigkeiten in der Auseinandersetzung mit den um ihre Vorherrschaft bangenden Männern, die sich durch die aktive Beteiligung der Frauen im Befreiungskampf in ihren feudalen Denkweisen bedroht sehen.

In vielen Einzelbeispielen wurde deutlich, daß die Situation der kurdischen Frauen von der Kriegssituation, durch die Unterdrückung der vier Staaten Iran, Irak, Syrien und Türkei, die Kurdistan in kolonialistischer Weise besetzt halten, ebenso belastet ist wie durch die Jahrtausendealte patriarchale und feudalistische Herrschaft. Nach wie vor wird Frauen in unterschiedlichem Ausmaß ein bestimmtes Rollenverhalten zugewiesen, aus dem sie sich nur schrittweise lösen können. Wenn Frauen sich anfangen zur Wehr setzten, werde das Ausmaß der Unterdrückung noch größer.

Zunehmend sind Frauen, die für Veränderungen eintreten und sich nicht länger auf die ihnen aufgezwungende Rolle beschränken lassen, Opfer von staatlicher Gewalt, insbesondere auch sexueller Gewalt. Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt werden von Sicherheitskräften, von Polizisten, Soldaten, Gefängniswärtern und Dorfschützern begangen und erst durch das vor einem Jahr gegründete Rechtshilfeprojekt für Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, gelingt es allmählich, die Problematik von sexueller Gewalt gegen Frauen zu thematisieren. Die bisherige Tabuisierung von sexueller Gewalt in der öffentlichen Debatte, aber auch innerhalb der Familie erfordert von den Frauen, die bereit sind, die erlittene Folter öffentlich zu machen, enorme Kraft, denn sie beinhaltet die Gefahr, öffentlich geächtet zu werden. Die gesetzlichen Grundlagen, die überhaupt eine strafrechtliche Verfolgung ermöglichen, sind sehr eingeschränkt, und es sind grundlegende Gesetzesänderungen erforderlich, um sexuelle Gewalt in jeglicher Form wirksam ahnden zu können.

Eine der Rednerinnen schilderte in sehr deutlichen Worten die Rolle der kurdischen Frauen: "Die kurdische Frau ist Sklavin der Sklaven. In einem Land, wo die Hoffnungslosigkeit überall anzutreffen ist, ist die Frau nur zur Befriedigung männlicher Bedürfnisse, zum Gebären der Kinder, deren Versorgung und Verpflegung da. Sie wird genauso behandelt, wie eine Ware, die man kaufen kann. Ihre Identität wird genauso verleugnet, wie die Identität ihres Volkes verleugnet wird. Zu der Hilflosigkeit des kurdischen Volkes kommt die Hilflosigkeit der kurdischen Frauen hinzu."

Daß die kurdischen Frauen sich nicht länger in diese Hilflosigkeit und vor allen Dingen auch Sprachlosigkeit begeben wollen, zeigen vielfältige Beispiele: Die aktive Teilnahme am bewaffneten Kampf, die Organisation von Gruppen und Kommissionen, die auf die besondere Situation aufmerksam machen und sich politisch für Veränderungen einsetzen. Auch das Engagement von Frauen in den Parteien nimmt zu. Großer Stellenwert hat die Veröffentlichung der Mechanismen und Methoden, mit denen Frauen unterdrückt und mißhandelt werden. In Ländern und Gesellschaften, die von staatlicher Unterdrückung, Verletzung von Menschenrechten, Terror und Gewalt geprägt sind, ist jeder Schritt, den Frauen gehen, um sich dagegen zu wehren, ein großer und sehr mutiger Schritt auf dem Weg zu einer gerechteren Gesellschaft.

prison watch international betrachtet die Konferenz, die erstmalig die Situation kurdischer Frauen in allen Teilen Kurdistans und in Europa beleuchtet hat, als erste Bestandsaufnahme. In einer gemeinsamen Resolution appellieren die Teilnehmerinnen der Konferenz aus Kurdistan, der Türkei, den Niederlanden, Schweden und der Bundesrepublik Deutschland an die Internationale Staatengemeinschaft, sich für eine Beendigung des Krieges gegen das kurdische Volk einzusetzen und gegen die fortgesetzte Unterdrückung insbesondere der kurdischen Frauen beizutragen.

Die Bundesrepublik Deutschland und andere westeuropäischen Staaten sind aufgefordert, der Verfolgungssituation kurdischer Frauen gerecht zu werden und frauenspezifische Fluchtgründe als asylrelevant anzuerkennen.

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Im Jahr 2000 soll eine erneute Konferenz stattfinden, um Bilanz zu ziehen über die Entwicklung in den Gruppen, Organisationen und Parteien, in denen Frauen und auch Männer sich für die Verbesserung der Situation der kurdischen Frauen, für eine gleichberechtigtere Gesellschaft und für die Befreiung von Frauen international engagieren.

Heidi Lippmann-Kasten ist Vorsitzende des Menschenrechtsvereins pwi


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