Aus: Kurdistan-Rundbrief, Nr. 18, Jg. 11, 9.9.1998

Gibt es auch türkische Großkriminelle ohne Diplomatenpaß?

Schon wieder wurde ein türkischer Mafiosi mit türkischem Diplomatenpaß verhaftet

Im Zusammenhang mit der Festnahme des u.a. wegen rund 40fachen Mordes bzw. Verwicklung in entsprechende Komplotte wurde, wie die Medien ausführlich berichteten, der als Mafia-Boss bezeichnete Alaatin Çakici, ehemals Mitglied der faschistischen Grauen Wölfe, von der französischen Polizei in Nizza verhaftet. Ungeachtet dessen, daß er von Interpol mit "höchster Dringlichkeitsstufe" gesucht wurde, war er im Besitz eines türkischen Diplomatenpasses.

Der berühmt-berüchtigte Mahmut Yildirim, genannt "Yesil" (= der Grüne), ebenfalls ein "Grauer Wolf", der nach Aussagen des türkischen Ministerpräsidenten Mesut Yilmaz seit langem tot sein sollte, lebt - einer der Beteiligten an dem Anschlag auf den Vorsitzenden des IHD am 12. Mai nannte ihn als Drahtzieher. Und auch er soll nach Mitteilung zuverlässiger Quellen einen Diplomatenpaß haben.

Auch bei dem international gesuchten Abdulla Çatli, der bei dem Susurluk-Unfall im November 1996 ums Leben kam, fand sich ein Diplomatenpaß.

Selbst in der Türkei fragen die Tageszeitungen (so u.a. die regierungsnahe "Hürriyet"), man müsse annehmen, daß alle großen Drogenhändler und Mafiabosse mit einem Diplomatenpaß reisen, und in der genannten Zeitung wurde die Frage gestellt, wie man denn nun unterscheiden könne, wer Diplomat und wer Mafiosi sei.

Wir als YEK-KOM sind überzeugt, daß - ungeachtet offizieller internationaler Fahndungsersuchen - der türkische Staat die Finanzquellen der Mafia braucht, ohne die er den Krieg gegen die Kurden nicht führen könnte. Zwar wird der Drogenhandel offiziell verfolgt, und es gibt auch gelegentlich umfangreiche Beschlagnahmungen und Verhaftungen. Aber in diesen Fällen geht es allgemein um Personen, deren Enttarnung durch die Presse oder durch internationale Fahnder unmittelbar bevorstand oder nicht mehr zu verhindern war.

Es wird Zeit, daß die internationale Öffentlichkeit hinter die Maske der Erhabenheit blickt, hinter der sich maßgebende türkische Regierungskreise zu verstecken suchen. Es müßte jedem klar sein, daß weit mehr als die in der Nähe von Köln in einem türkischen Lastwagen versteckten 40 kg Heroin (im Wert von ca. 9 Mio. DM) (dpa, 20.8.98) in Diplomatengepäck verborgen und vor dem Zoll geschützt den europäischen Markt erreichen.

(aus: YEK-KOM Bülteni 29, 27.8.98 weitere Quellen: ND, 20.8.98; Hürriyet, 19.8.98).


Einige Ergänzungen zum neuesten "Mafia-Diplomaten"

In einem ausführlichen Bericht für "Turkish Probe" beschrieb am 30. August der Journalist Kemal Balci weitere Hintergründe zu dem jüngsten "Mafia-Diplomaten-Skandal".

In der letzten Ausgabe hatten wir von dem Versuch des berüchtigten früheren Innenministers Agar berichtet, der nach seinem Rücktritt im Gefolge der "Susurluk"-Affäre nun aus Anlaß der Hochzeit seiner Tochter wieder in die offizielle türkische Politik zurückkehren wollte. Sowohl Staatspräsident Demirel wie der berüchtigte Junta-Chef Kenan Evren hatten zugesagt, zu der Hochzeit der Tochter des faschistischen Politikers Agar zu erscheinen. Die Verhaftung des Mafiosi Cakici am Tag der Hochzeit wurde Demirel, so Kemal Balci, sofort gemeldet, so daß der türkische Staatspräsident wenige Minuten vor seiner Ankunft bei der Hochzeitsfeier noch rasch absagen konnte. Auch andere "einflußreiche Geschäftsleute" hätten, als sie von der Verhaftung Cakicis hörten, die Hochzeitsfeier sofort verlassen, berichtet der Journalist.

Die staatlichen Banden, so Kemal Balci gleich zu Beginn seines Berichts, hätten sich in den letzten Jahren zu einem "enormen Problem" für die Türkei entwickelt. Schon bei dem Susurluk-Unfall vor zwei Jahren waren im Wagen der Verunglückten (darunter der international gesuchte Rauschgift-Mafiosi und "Graue-Wölfe"-Mitglied Abdullah Catli und seine Freundin und der kurdische Abgeordnete der Partei Tansu Cillers und Chef der größten vom Staat finanzierten "Dorfschützer-Armee", Sedat Bucak) spezielle Mordgewehre, Spezialmunition, falsche Waffenscheine und falsche Ausweise, alle unterzeichnet von dem damaligen Innenminister Mehmet Agar) gefunden worden.

Die jetzige Verhaftung von Cakici in Frankreich mache deutlich, daß die Verbindungen der Susurluk-Bande mit dem Staatsapparat entgegen allen offiziellen Beteuerungen weiter intakt seien.

Zwei führende Beamte des MIT, ein Mehmet Eymur und ein Yavuz Atac, stünden im Zentrum des Verdachts, die Beziehungen zur den insgesamt ca. 40 mafiotischen, aus Grauen Wölfen, Geheimdienstlern, Polizisten u.a. Personen rekrutierten Banden in der Türkei zu steuern und für ihre staatliche Deckung zu sorgen.

So sei der Diplomatenpaß, der bei dem jetzt verhafteten Cakici gefunden worden war, von dem MITler Yavuz Ata ausgestellt worden. Dieser Paß sei ursprünglich für Mehmet Can Kulaksizoglu ausgestellt gewesen, der als Drahtzieher des Attentats auf den Vorsitzenden des Menschenrechtsvereins, Akin Birdal, gelte.

Die Freundin des jetzt in der Türkei verhafteten Cakici, eine Asli Yaka, ist die Tochter des bekannten Designers Canan Yaka und der ebenfalls bekannten Sängerin Selcuk Ural. Von dieser Familie Ural gibt es Verbindungen zu einer anderen Unterweltgruppe, der Familie Agansoy. Der Mafiosi Tevfik Agansoy wurde, so Kemal Balci, vor einigen Jahren auf Befehl des jetzt verhafteten Cakici ermordet. Unter den Begleitern des damals ermordeten Mafiosi war auch ein Leibwächter der damals amtierenden Ministerpräsidentin Tansu Ciller (wir berichteten).

Der schon erwähnte Mehmet Eymur, ein zweiter führender MIT-Beamter, der als Drahtzieher der "Mafia-Connection" gilt, wurde zum ersten Mal 1987 im Zusammenhang mit einem umstrittenen Bericht des MIT bekannt. Er wurde gezwungen, sein Amt aufzugeben, tauchte dann aber 1995 nach der Ernennung von Tansu Ciller zur türkischen Ministerpräsidentin wieder auf - als Chef des "Anti-Terror-Büros" des MIT. Eymur und seine Leute sollen, so Kemal Balci, nach Aussagen anderer MIT-Vertreter vor dem türkischen Parlament, u.a. eines Hanefi Acvi, früherer stellvertretender Vorsitzender der Geheimdienstabteilung des Sicherheitsamtes, verantwortlich sein u.a. für den Bombenanschlag auf die prokurdische Tageszeitung Özgür Gündem und die Morde an kurdischen Geschäftsleuten, die als "Förderer der PKK" eingestuft worden waren.

Nachdem Tansu Ciller ihr Amt verlor und Mesut Yilmaz zum türkischen Ministerpräsidenten aufstieg, mußte Eymur sein Amt in Ankara aufgeben und wurde "versetzt" - nach Washington. Von dort sei er nach dem "Susurluk-Unfall" nach Ankara zurückbeordert worden, um sich den Fragen der Ermittler zu stellen - bisher ohne Folgen für ihn.

Der Beitrag von Kemal Balci endet mit dem Hinweis, die Herausbildung dieser "Banden" aus Geheimdienstlern, Mafiosi und Grauen Wölfe-Leute habe spätestens 1992 eingesetzt. Bis dahin habe der MIT einem General und damit direkt dem Militär unterstanden, in 1992 aber wurde der Geheimdienst - noch zur Amtszeit des damaligen Präsidenten Turgut Özal - aus dieser militärischen Struktur herausgelöst.

Ein Hinweis vielleicht, aus welcher Quelle die neuen "Enthüllungen" über den MIT und seine mafiotischen Banden in der Türkei kommen und warum von den Verbindungen dieser Mafiosi, Rauschgifthändler und Mörder mit dem türkischen Militär nichts an die Öffentlichkeit dringt? (rül)


[Hauptseite] [KR-Archiv] [Inhalt] [<< voriger] [nächster Artikel >>]